Interview mit Martin Schlund

Portrait Martin SchlundIm Gespräch mit Martin Schlund

Der Designer aus Amoltern am Kaiserstuhl fiel uns zum ersten Mal bei unseren Recherchen für den Artikel zum Thema Automöbel auf. Wer schon einmal im V8-Hotel im schwäbischen Böblingen war, ist vielleicht sogar schon einmal in den Genuss gekommen, in einem von Martins Betten zu schlafen. Uns jedenfalls haben seine Arbeiten so begeistert, dass wir entschieden haben, Martin auf Raumideen ein wenig auszuquetschen. Über Autos, Leidenschaft und Möbel. Ganz klassisch haben wir aber zunächst einmal seinen Werdegang etwas unter die Lupe genommen. Und der hat es in sich:
Martin Schlund: Ich bin ursprünglich aus der Nähe von Hamburg und in Kiel habe ich 1989 Archäologie studiert. Während der Promotion 1995 habe ich dann umgesattelt auf Kurs- und Fitnesstrainer. Ich bin einfach kein Wissenschaftler.

Nach mehreren Jahren in Kiel und Hamburg als freiberuflicher Kurstrainer, hat es mich 2001 nach München verschlagen. Dort habe ich bis 2007 als Studioleiter in einem Fitnessstudio gearbeitet.

Und wie bist Du auf die Idee gekommen, ausgerechnet aus Autos bzw. Autoteilen Möbel und Wohnaccessoires herzustellen?

Martin Schlund: Ich glaube, es war Ende der Neunziger, dass ich einen Pink Cadillac im Fernsehen gesehen habe, der zu einem Sofa umgebaut worden war. Ich wollte so etwas auch haben, hatte aber weder genug Geld noch die Möglichkeit. Also habe ich mit einem Freund in der gerade geöffneten DDR einen Trabbi für 5 DM gekauft und daraus meine ersten Möbel „gezimmert“. Eine Bar und ein Sofa.

Die Bar ist ewig mit mir umgezogen und ich saß an eben dieser Bar, als ich 2007 die Idee hatte, noch einmal etwas Neues zu starten. In dem Jahr habe ich mit einem Gründungszuschuss die Automöbelidee begonnen – bis heute.
Autobett
Du fährst selbst einen Mercedes W 108 / 250 S Oldtimer, wie Du uns verraten hast. Das war wahrscheinlich nicht immer so. Welches war denn dein erstes Auto?

Martin Schlund: Ich hatte eine Ente, die 2 CV Charleston, mit sagenhaften 29 PS.

Und was wurde aus dieser Ente? Ein Couchtisch vielleicht?

Martin Schlund: Die Ente habe ich seinerzeit normal verkauft. Aber einer anderen durfte ich ein zweites Leben schenken.

Aber blutet Dir Auto- und Oldtimerliebhaber nicht auch ein wenig das Herz, wenn Du einen Klassiker in seine Einzelteile zerlegen „musst“, statt den Wagen eventuell vollständig zu restaurieren?

Martin Schlund: Ich bin zwar nicht völlig autoverrückt, aber schon als kleines Kind waren mir Marken, Modelle und technische Details vertraut. Das bleibt immer im Kopf, da kann man nichts dagegen tun. Wobei mir die neuen Plastikbomber nicht mehr gefallen.
Autoteile Möbel
Aber „zum Glück“ arbeite ich fast ausschließlich an völligen Wracks, die nicht mehr wirklich restaurierbar sind. Klar kann man alles retten, aber irgendwo ist bei jedem Auto eine Grenze. Außerdem baue ich einen Großteil der Möbel nur aus Einzelteilen, die ich auch separat kaufe.

Aber es gibt durchaus Momente, in denen man denkt: Schade! Besonders, wenn mir Kunden ihr „Altblech“ bringen, das oft noch recht gut erhalten ist.

Von welchem Stück oder Projekt konntest Du dich bisher am schwersten trennen?

Martin Schlund: Vom Manta-A-Schreibtisch. Als ich den Auftrag bekam, musste ich doch schmunzeln. Aber während des Baus hat mich die Form des Manta wirklich fasziniert!

Der Manta ist ein recht stromlinienförmiges Design. Eignen sich solche Modelle besser zum Möbelbau?

Martin Schlund: Sagen wir so, ein Classic Mini zum Beispiel ist super einfach zu be- und verarbeiten. Er ist klein, handlich und das Ergebnis sehr ansprechend im Design. Und natürlich der Mercedes W 109 mit seinen barocken Formen, dem ganzen Chrom!

Auch, mein Lieblingsauto, den Peugeot 205 GTI, oder einen Golf 1 GTI in einen Schreibtisch zu verwandeln, wäre noch mal ein toller Auftrag.

Ein Käfer hingegen ist schrecklich umzubauen. Alles ist rund und nirgends ein vernünftiger Ansatzpunkt zu finden.

Aber generell ist natürlich das Auto und das Modell am besten zum Umbauen geeignet, das dem zukünftigen Besitzer die meiste Freude macht. Denn diese Automöbel verkörpern immer eine besondere Geschichte, Erlebnisse, usw. Zumindest beim privaten Kunden.

Sind die Privatkunden in der Überzahl? Wie man am V8-Hotel sieht, arbeitest Du ja auch im Auftrag von gewerblichen Kunden…

Martin Schlund: Das ist völlig gemischt. Ich habe private Kunden aus allen Alter- und Gehaltsklassen, darunter bestimmt auch 30% Frauen. Genauso habe ich gewerbliche Kunden, die mindestens eine ebenso große Bandbreite und völlig unterschiedliche Branchen abdecken.
Bett aus Autoteilen
Welches Automöbel ist das gefragteste bei deinen Kunden?

Martin Schlund: Der Schreibtisch aus dem Mercedes W 108 / 109… und der Zündkerzenflaschenöffner.

Wenn aus Autofronten Schreibtische und aus Zündkerzen Flaschenöffner entstehen, was passiert mit den Hecks und Radkappen und Lenkrädern usw.?

Martin Schlund: Genau, wenn das Autoelement noch weitestgehend erhalten bleibt, ist das natürlich besonders schön. Darum eignen sich intakte Fronten gut für Schreibtische. Hecks am besten für Sofas in „Fahrtrichtung“.

Für Kleinmöbel wie Beistelltische und Vitrinen sind Felgen, Lenkräder und Kühlergrills gutes Ausgangsmaterial. Und Accessoires wie Uhren oder Buchstützen kann man super aus Radkappen und Motorteilen herstellen.

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist und sein erstes Auto oder einen Oldtimer-Garagenfund von Dir in ein Liebhabermöbelstück verwandeln lassen möchte, was muss der tun?

Martin Schlund: In dem Fall kann man mich über meine Webseite bzw. die dort hinterlegten Kontaktdaten fragen, ob ich aus diesem oder jenem Modell das gewünschte Möbel bauen kann.

Meist ist das kein Problem. Eigentlich lässt sich immer alles realisieren. Es kommt nur darauf an, wie viel der Kunde bereit ist, dafür auszugeben. Sind die ersten Detailfragen dann geklärt, bekommt er von mir einen Entwurf und den Endpreis.

Der Kunde muss auch kein Auto selbst besorgen, wenn er es nicht ohnehin besitzt. Ich kann das Fahrzeug bei meinen Zulieferern oder online organisieren.

Selbstverständlich liefere ich das Möbel dann auch aus und baue es auf – ist ja kein Ikea-System.

Abschließend noch eine letzte Frage: Was haben Möbel und Accessoires mit Autos und Motorrädern gemeinsam, dass sie so eine harmonische Synergie eingehen?

Martin Schlund: Die Faszination Auto ist schwer zu fassen. Ich glaube, es ist der jeweilige Zeitgeist, der in diese 1,5 Tonnen Bleck gepresst wurde.

Was Möbel damit gemeinsam haben? Ich denke nichts. Das Besondere ist, dass die beiden Welten so aufeinanderprallen…

Danke Martin, dass Du dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen so ausführlich zu beantworten! Wir wünschen dir noch viele spannende Aufträge – vielleicht ja auch bald mal „dein“ Peugeot – und gemütliche Stunden auf deinem eigenen Mercedes-Heckflossen-Sofa!!

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